Moby Dick

Teil 1

 

Schau'n Sie nur Starbuck, welch milder Tag,

Ob ich mich wohl noch erinnern mag?

Vor vierzig Jahren das erste Mal,

Da ging ich auf Jagd, die Jagd nach dem Wal.

 

Harpunen und Lanzen, das ist meine Welt,

Ein ewiger Kampf nur für Ruhm und für Geld.

Was soll dieser Wahnsinn, wer nennt mir den Grund?

Wir treiben auf wogendem Höllenschlund…

 

Und ich fühl' mich alt, könnt' Adam wohl sein,

Millionen von Jahren an Qual und an Pein,

Seit damals, der Flucht aus dem Paradies,

Als wir unsren Gott, und Gott uns verließ.

 

Kommen Sie, Starbuck, ganz nah, her zu mir,

Damit ich nicht immer aufs Wasser nur stier'.

Ins Aug' eines Menschen würd' ich gerne seh'n,

Und wünschte mir nur, dass Sie mich versteh'n.

 

Was ist es nur? Welch ein Dämon, welch Tier

Lauert verborgen im Innersten mir?

Liebe und Sehnsucht ist ihm unbekannt,

Es zieht mich aufs Meer, verabscheut das Land.

 

Es treibt mich zu Taten, mir selbst tief verhasst,

Es drängt mich und jagt mich, es wütet und rast.

Ist Ahab denn Ahab, bin ich es, ist's Gott,

Wer lenkt meinen Arm, mit Häme und Spott?

 

Doch wenn selbst die Sonne, der Milchstraßen Band

Gelenkt wird allein durch des Allmächt'gen Hand,

Wie kann mein Herz pochen, wie denkt mein Verstand,

Wenn Gott seine Fäden im Himmel nicht spannt?

 

Gedreht und gewendet, wie Gott es so will,

Das werden wir alle wie dort dieses Spill,

Die Handspake führt dann das Schicksal allein,

Es lächelt der Himmel, das Meer stimmt mit ein.

 

Doch schauen Sie tief in die See, seh'n Sie dort!

Dort gibt es nur Jagen und Fressen und Mord!

Wer gab diesen Tieren dies alles nur ein?

Und was wird die Strafe fürs Töten wohl sein?

 

Doch wer ist der Richter, und was der Beschluss,

Wenn selbst vor den Schranken der Richter steh'n muss?

Doch lass ich das Grübeln an solch schönem Tag -

Ich sehe Sie zittern, warum ist die Frag'…

 

Sie wollen mich töten, mit eigener Hand?

Das Schiff sicher führen ins heimatlich' Land?

Doch fehlt jetzt der Mut, denn Ihr Leben ist Pflicht,

Oh, nein, Mr. Starbuck, Sie retten mich nicht!

 

Gefesselt durch Treue, gefesselt an mich,

Sie wissen im Innersten, wissen wie ich,

Der Akt dieses Dramas steht lang' schon im Buch,

Und ihn hier zu spielen, das ist unser Fluch.

 

Wir beide sind nichts als Figuren im Spiel,

Geplant vor Urzeiten, weil Gott es gefiel,

Millionen von Jahren, bevor noch das Meer

Hier wogte und rollte, so lang ist es her!

 

Teil 2

 

Sie sagen mir, Starbuck, ich wäre voll Hass,

Den Wal zu verfolgen, das mache mir Spaß?

Sie sagen, die Notwehr, das war sein Motiv,

Doch als er mein Bein nahm, da grinste er schief.

 

Und Sie, Starbuck, nennen's Vermessenheit?

Zum Kampf mit der Sonne wär' ich wohl bereit,

Wenn sie mir je zufügen würde ein Leid.

Verstehen Sie's, Starbuck, Sie sind doch gescheit?

 

Egal, was wir sehen, das wahre Gesicht,

Versteckt hinter Masken, das sehen wir nicht.

Ein höheres Wesen gab Form allem Sein,

Doch ich durchschaue, durchschau' es allein.

 

Der weiße Wal fordert mich ewig heraus,

Und das trieb mich hier auf den Ozean raus,

Ich sehe die Maske, wohinter er steckt,

Doch ich habe endlich die Wahrheit entdeckt.

 

Was hinter der Maske, das hass' ich so sehr!

Das Böse! Das macht uns das Leben so schwer!

Seit ewigen Zeiten von Ängsten geplagt,

Beherrscht es das Denken und macht uns verzagt.

 

Anstatt uns zu töten mit schneller Hand,

Verstümmelt es uns, bis wir ganz ausgebrannt

Dahinvegetieren, die Seele voll Schmerz,

Mit halber Lunge nur, und halbem Herz!

 

Nun hören Sie, Starbuck, und öffnen die Ohr'n:

Die Mannschaft steht zu mir, sie hat es geschwor'n.

Kein besseren find' ich als Harpunier,

So kommen Sie mit und folgen Sie mir!

 

"Ich sag' Ihnen, Käpt'n, direkt ins Gesicht,

Auf Ihrer Seite, da stehe ich nicht!

Doch Starbuck ist für Sie keine Gefahr,

Nur Ahab für Ahab, das ist uns wohl klar.

 

So seien Sie, Käpt'n, vor sich auf der Hut,

Denn was wir begannen, das endet nicht gut!"

 

 

(22.07.2019)

 

Nachdichtung zweier Dialoge des gleichnamigen Films mit Gregory Peck aus dem Jahr 1956.